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Loben – oder unterlassene Hilfeleistung

1. Die knappe Währung der Anerkennung

Wir sehnen uns alle nach Lob und erhalten doch so wenig. Nicht weil die anderen um uns etwa böse wären, sondern weil sie es schlicht vergessen, uns anzuerkennen. Selbst wenn wir uns auf den Kopf stellen, allen Menschen es recht zu machen, bleibt die Ausbeute an Lob erstaunlich gering. Der Alltag kennt eine einfache Regel: Was funktioniert, gilt als selbstverständlich, erst wenn etwas schiefgeht, wird darüber gesprochen. Der gelungene Arbeitstag erzeugt Schweigen, der kleine Fehler eine Aussprache. So entsteht eine merkwürdige Welt: Wir geben uns große Mühe, angenehm zu sein – und niemand bemerkt es. Wir bemerken dagegen sehr genau, wenn es uns selbst so geht.

2. Wovon der Mensch innerlich lebt

Wir brauchen das Lob unserer Mitmenschen wie die Luft zum Atmen. Trotzdem geben wir es selten. Wir lassen oft ungesagt, was den anderen aufrichten würde: dass er etwas gut gemacht hat und es nicht umsonst war. Ein Mensch kann erstaunlich viel leisten, solange er merkt, dass sein Tun bei jemandem ankommt. Bleibt diese Rückmeldung aus, macht er weiter, aber mit weniger Schwung. Nicht aus Faulheit, sondern weil sich langsam der Gedanke einschleicht, es sei am Ende gleichgültig.

3. Die Wirkung auf den Lobenden

Indem wir uns auf das Gute eines Mitmenschen konzentrieren, formulieren wir es und teilen es mit. Und genau dieses Mitteilen ist entscheidend: nicht denken, sondern sagen. Hier geschieht etwas Eigenartiges. Wer lobt, schaut anders hin. Er sucht nicht nach dem, was stört, sondern nach dem, was trägt. Und plötzlich entdeckt er mehr davon. Nicht weil die Welt sich verändert hätte, sondern weil seine Aufmerksamkeit sich verändert. Der Mensch sieht am Ende vor allem das, wonach er Ausschau hält. Wer nach Perlen sucht, ist bereits einen Schritt dabei, jubiliert zu sein. Das gesprochene Wort verstärkt das noch. Der andere richtet sich auf – und mit ihm auch etwas in uns selbst. Das freundliche Wort hebt nicht nur den Empfänger, es hebt die Lage.

4. Eine Frage der Größe

Viele halten Lob zurück, weil sie glauben, sich damit kleiner zu machen, als würde Anerkennung aus eigener Tasche bezahlt. In Wirklichkeit geschieht das Gegenteil. Wer lobt, hört für einen Moment auf zu vergleichen und beginnt wahrzunehmen. Man steht nicht mehr neben dem anderen, sondern mit ihm in derselben Wirklichkeit. Darum wirkt gemeinsames Loben – ob in einer Feier, in einer Mannschaft oder im Gottesdienst – so erhebend: Die Blickrichtung verändert sich. Man verlässt die kleine Kammer der Selbstverteidigung und tritt in eine größere Welt hinaus. Man vertraut instinktiv Menschen, die anerkennen können. Nicht weil sie freundlich wirken, sondern weil sie offenbar sicher genug sind, das Gute im anderen stehen zu lassen. Der dauernde Kritisierer wirkt streng, aber unsicher, der Anerkennende großzügig und damit souverän. Vielleicht ist Lob deshalb kein schmückender Zusatz unseres Zusammenlebens, sondern eine unterlassene Hilfeleistung des Alltags. Der Gelobte erhält Gewissheit, der Lobende gewinnt Weite, und wer ehrlich loben kann, lebt bereits in einer besseren Welt – und macht sie für einen Augenblick auch für andere bewohnbar.

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